Nachhaltigkeit leben
Imkern ist eines der ältesten landwirtschaftlichen Handwerke der Menschen – wenn man mal vom Bären absieht. Der wusste schon viel früher, was gut schmeckt!
Die deutschen Imkernden und Bienenzuchtvereine leisten einen großen Beitrag zur Nahrungsmittelversorgung - und zwar schlicht und einfach durch die Bestäubungsleistung von Ackerfrüchten, welche ohne Bestäubung keine Früchte ansetzen. Raps und Sonnenblumen zum Beispiel.
Was Honigbienen dort vollbringen, schaffen Wildbienen in der Masse an Blüten unmöglich!
Wir Imker werden zudem vom Gesetzgeber streng überwacht. Und die Bienenhaltung muss auch ausreichend wirtschaftlich sein.
Da ist nicht alles nur Honig!
Und mit Naturschutz hat das zumeist auch nichts zu tun.
Was bedeutet es denn dann, nachhaltig zu imkern?
Es braucht schon eine gehörige Portion Liebe zur Natur, aber auch Realismus, Idealismus und Leidensfähigkeit.
Honigbienen versus Wildbienen & Co?
Längst nicht jede Blüte ist mit ihrer Biologie auf Honigbienen abgestimmt. Zu klein, zu filigran, zu tiefer Kelch, kaum Pollen, wenig Nektar... Daher müssen wir uns auch grundsätzlich keine Sorgen um die Konkurrenz zwischen Honigbienen, Wildbienen und anderen bestäubenden Insekten machen. Wenngleich natürlich viele Blütenarten sowohl von Honig- und Wildbienen besucht und bestäubt werden.
Aber viele dieser anderen Insekten, insbesondere viele Wildbienen sind symbiotisch spezialisiert und sterben mit den Futterpflanzen für ihre Brut aus.
Sorgen müssen wir uns also viel mehr um den rasanten Rückgang an Wildkräutern und ursprünglichen Pflanzen machen, mit dem dieses genetische Material für immer verloren ist.
Und das ist die eigentliche Katastrophe, welche wir auch durch unseren Überkonsum an unberührter Umwelt mit unseren Monokulturen und Nutzpflanzen sowie unseren abgezirkelten und glattgebügelten Stein- und Rasengärten anheizen.
Wir rupfen jede Ecke aus, rasieren im zeitigen Frühjahr jedem zarten Wildkraut die Blüte ab und rotten alles bis auf den Löwenzahn erfolgreich aus. Nichts kommt mehr in die Blüte, geschweige denn zum Aussamen.
Eine lokal verschwundene Art benötigt oft viele Jahre und den Zufall, um wieder ansässig zu werden.
Grüne Wüste!
Die Honigbiene ist im Gegensatz zu vielen anderen Insekten nicht auf eine bestimmte Pflanzenart angewiesen. Für sie ist zunächst nur wichtig, dass schon zu Brutbeginn im zeitigen Frühjahr ausreichend pollenproduzierende, später nektarproduzierende Pflanzen gedeihen.
Mit gemeinsamer Anstrengung und ausgefeilter Kommunikation (!) schaffen es unsere Honigbienen mit frühen Trachten wie Krokus und Salweide auch immer wieder.
Aber auch für die Honigbienen wird das Trachtangebot zunehmend besorgniserregend knapp. Wann haben Sie zuletzt im Frühjahr selber auch nur einen einzelnen Krokus gesehen?
Was nicht mit zumeist leuchtenden Farben auf sich aufmerksam macht, das ist auch kein (Wild-) Bienenfutter.
Gras ernährt keine Bienen.
Da, wo es nur grün ist, haben Bienen keine Chance.
Nachhaltiges Imkern ist eine Herausforderung
Wir hüten Mitwesen, ohne sie um Erlaubnis zu fragen - unbestritten.
Mancher mag sagen, wir sperren sie ein und beuten sie aus. Uns wird nachgesagt, dass wir unpassende Königinnen "abdrücken", die Bienen mutwillig zwischen den Wabenrahmen zerquetschen. Wir töten männliche Bienen (sogenannte Drohnen), lassen bei der Honigernte achtlos Bienen im Honig ertrinken, ...
Den Tierschutzgesetzen ist es zu verdanken, dass heute immer mehr Augenmerk auf verantwortungsvolles und tierwohlfokussiertes Imkern gelegt wird.
Es gibt auch andere Wege, Bienen zu behüten und ihre ureigen Lebensweise zum Wohle aller zu nutzen. Dazu ist es aber nötig, dass man das Leben im Bienenvolk etwas besser versteht:
Was eine Honigbiene bewegt:
Honigbienen sind die einzigen Bienen, welche Honig herstellen und als Wintervorrat einlagern. Sie sind auch die einzigen Bienen, welche Wachs zum Wabenbau ausschwitzen.
Sie sind in unseren Breitengraden die einzigen Insekten neben den staatenbildenden Ameisen, welche als fertige Insekten gemeinsam im Volk den Winter überleben.
Aber das Leben eines Bienenvolkes (auch als Superorganismus "Bien" bezeichnet) ist kein reines Zuckerschlecken. Es geht im Volk knallhart zur Sache:
"Es lebe die Königin?"
Die Monarchin lebt im Goldenen Käfig! So lange sie jung und frisch ist, kann sie sich vor Fürsorge nicht retten. Sie wird vom Hofstaat der Ammenbienen über die Waben dirigiert, laufend mit Gelee Royale gefüttert, geputzt - und zeitlebens nach ihrer Leistungsfähigkeit beurteilt.
Die Königin mag die Pheromone haben, aber die Chefin ist sie nicht!
Wenn die betagte Königin nach etwa 4 - 5 Jahren ins Alter kommt, dann wird sie gnadenlos und klammheimlich abgewählt und durch eine "Neue" ersetzt. Wann das geschieht, entscheiden die Arbeitsbienen im Volk selber.
Eine starke Königin leistet vom Frühjahr bis in den frühen Winter hinein mit bis zu täglich 2000+ Bieneneiern enormes für das Volk - von ihrer Eierproduktion hängen der Fortbestand und die angestrebte Neubildung und somit Verdoppelung von Bienenvölkern durch Schwarmbildung ab. Aber wehe ihr, es kommt der Leitungsknick!
Dann wird sie "abgewählt".
Wir sind das Volk!
Die heimlichen Herrscherinnen sind ganz kollektiv die Arbeiterinnen. Sie schmeißen den Laden und tragen mit zeitweise über 50.000 Schwestern die Hauptlast und Verantwortung für das Überleben des Volkes.
Arbeitslos? = Rauswurf!
Die männlichen Drohnen werden aus dem Volk gejagt, sobald das Volk aus der von Mai bis etwa Ende Juni dauernden Schwarmzeit geht. Es werden keine Schwarmzellen mit Königinnen als Nachfolgerinnen für die mit etwa der Hälfte des Volkes ausschwärmende "alte" Königin mehr gepflegt. Einzig und allein für die Fortpflanzung des Bien durch Schwarmteilung gehegt und gepflegt, sind sie ab jetzt unnütze Fresser! Ab dem Spätsommer haben sie nichts mehr zu lachen und werden von den Arbeiterinnen in der sogenannten Drohnenschlacht "abgetrieben". Sie werden selten älter als ein halbes Jahr. Wer sich vom eindrücklichen Drängeln und Rempeln der Schwestern nicht beeindrucken lässt, wird kurzerhand "abgestochen".
Der Generationenvertrag:
Die harte Vorarbeit für die winterlich bedingte Arbeitspause hat ihren Preis: Im Sommer werden die Arbeiterinnen durchschnittlich nur etwa 60 Tage alt.
Es muss alles im Überfluss herangeschafft werden:
Pollen für die Brut, die dreifache Menge Nektar zur Honigherstellung, Baumharz zur Propolisherstellung.
Und davon geht der Verbrauch für den Grundumsatz des immer größer werdenden Volkes ab: Wachs wird im Bienenkörper produziert und ausgeschwitzt. "Flugbenzin" für die Sammlerinnen, Pollen für die Ammenbienen, damit sie das Gelee Royale in ihren Mandibeldrüsen produzieren können. Ohne Gelee Royale wiederum keine starke Königin, keine ausreichende und gesunde Brut für den Massetausch im Volk.
Die Winterbienen, welche ab dem Herbst heranwachsen, werden von ihren Schwestern fettgefüttert.
Dafür müssen sie den oft harten und langen Winter überstehen. Ein sehr verantwortungsvolles Erbe.
Sie sichern in der winterlichen "Bienentraube" das Überleben der Königin und ersten Brut im Frühjahr. Dabei helfen ihnen die eingelagerten Vorräte aus Pollen und selbst hergestelltem nahrhaftem Zuckersaft, dem Honig. Sobald sie den letzten Teil ihrer Lebensaufgabe erfüllt haben, sterben auch sie und werden von den hoffentlich zahlreichen jüngeren Schwestern ersetzt. Gelingt ihnen das nicht, dann stirbt das Volk schon bald aus.
Niemand im Bien außer der Königin lebt länger als 5 bis 7 Monate!
Und zu all dem gesellen sich zahlreich natürliche Fressfeinde, Räuber und Krankheiten der Bienen hinzu.
Da könnte man als Biene manchmal wirklich hinwerfen!
Ein Literaturhinweis:
Um ein Gefühl für die Herausforderung in dieser "Honigfabrik" und die Lebensweise der Honigbienen zu bekommen ist folgender Literaturhinweis überaus kurzweilig und erkenntnisreich:
Die Honigfabrik / Wunderwelt der Bienen - eine Betriebsbesichtigung
Jürgen Tautz / Dietrich Steen
erschienen im
Gütersloher Verlagshaus
ISBN 978-3-579-08669-9
Quelle: Verlagsfoto
Was nun, was tun?
Wir Imkernden sind nicht die Bestimmer!
Wenn man bei der Imkerei denkt, man könne seinen eigenen Kalender zum Maßstab machen, dann wird man scheitern! Das wurde im Sommer 2023 überaus deutlich.
Der Löwenzahn blüht üblicher Weise in unserer Region zwei mal im Jahr: April und August. Es ist jetzt Mitte September 2023. Erst jetzt zeigen sich wieder vereinzelt Löwenzahnblüten!
Erfolgreich imkern bedeutet immer, sich nach den Bienen und Ihren Bedürfnissen zu richten.
Und die richten sich nach dem Jahreslauf, den Tagestemperaturen dem Wetter und dem, was die Natur an Blütenpracht hervorzubringen vermag.
Bei Kälte, Wind und Regen kann keine Biene vor das Flugloch!
Und wenn das zu lange dauert, fressen Bienen sogar ihre eigene jüngste Brut.
Sie können sich die Verschwendung von so viel Eiweiß-Energie schlichtweg nicht leisten!
Die Imkernden müssen also immer mehr Unterstützung leisten. Sonst gelingt den Völkern das Überleben nicht. Die Folge ist ein dramatischer Ertragsrückgang der insektenbestäubten Nutzpflanzen. Honigbienen sind Flächenbestäuber - da können Wildbienen nicht mithalten.
Nachhaltige Bienenhaltung und Erträge aus Honig- und Bienenwachsprodukten schließen sich nicht aus.
Aber man muss dafür fürsorglich und maßvoll imkern.
Das bedeutet, dass immer öfter so mancher EURO eben nicht auf das eigene Konto, sondern in das Wohl der eigenen Bienenvölker fließt.
Finanzielle Gewinne sind nicht garantiert!
Gerade Jungimkernde haben zu Beginn so manche schlaflose Nacht.
Fürsorglich zu imkern meint, die Völker so führen, dass man ihnen optimale Bedingungen schafft und erhält. Eine Mammutaufgabe, welche man lieben muss:
- Unsere Bienenvölker sollen zahlreich und möglichst parasitenfrei aus dem Winter in das Frühjahr starten können.
- Man bietet ihnen Behausungen und Standorte, welche ihnen dazu optimale Bedingungen bieten sollen. [Nachtrag 13.09.2023: Das geht noch besser! Wetten?]
- Wichtig ist auch das richtige Maß aus Kontrolle und Vertrauen in die Stärke der Bienen. Viele Jungimker sind so besorgt, dass Sie mit übermäßigen Kontrollen und Korrekturen ihre Völker "zu Tode nerven".
- Anzeichen möglicher Krankheiten und Schädlinge müssen Imkernde erkennen und darauf angemessen reagieren können.
- In Notzeiten muss eine ausreichende Ernährung durch die Imkernden durch sofortige artgerechte Futtergabe erfolgen. Bienen teilen alles bis zum letzten Tropfen Honig - entweder verhungert keine, oder alle! Und das oft über Nacht innerhalb weniger Stunden.
- Die Bienen benötigen wesensbedingt in den Beuten ständig ausreichend Platz zum Bauen, Brüten und für Vorräte. Eine kleine Brutwabe fasst auf beiden Seiten zusammen gut 5.000 Zellen für Futterkranz und Brut, die Königin bestiftet diese in etwa zwei Tagen. Nach 21 Tagen schlüpfen daraus Arbeiterinnen. Der frisch eingetragene Nektar oder Honigtau nimmt bis zu 3 x soviel Platz wie der fertig gereifte Honig ein. Man ist also unter Umständen zweimal pro Woche und Volk damit beschäftigt, dieses Bedürfnis nach Platz zu erfüllen.
- [Nachtrag 13.09.2023: Ich lasse unsere Bienen jetzt außerhalb der Schwarmzeit immer 2 Wochen in Ruhe - die Beobachtungen der Vorgänge am Flugloch und das Wiegen der Beuten und die Milbenkontrolle über die "Windel" sagen mir genau so viel, wie mein nervender Blick in die Beuten! Auf den verzichte ich mittlerweile immer öfter!]
- In jeder einzelnen Wabenzelle verbleiben nach dem Schlupf immer organische Reste zurück. Mit jeder Brut eine neue Schicht. Regelmäßig müssen diese Altwaben zur Gesunderhaltung des Volkes erneuert werden. Das erledigen die Bienen aber nicht freiwillig. Der Imkernde trägt für die regelmäßige Bauerneuerung die Verantwortung und Vorarbeit.
- [Nachtrag 13.09.2023: In der freien Natur schwärmen Bienen und verlassen alte Nester, wenn sie zu starken Parasitendruck haben. Wachsmotten und andere Lebewesen säubern dann mit der Zeit die Baumhöhlen. Kernsaniert - frei für den Neubezug!]
- Aber die Gespinnste und Kotreste der Wachsmottenlarven haben in einer Bienenbeute mit Bienen nichts zu suchen. Bauerneuerung durch die Imkerei ist also bei dieser Haltung unerlässlich zur Gesunderhaltung eines Volkes. Und sie kostet Geld und Arbeit.
- Vor etwa 70 Jahren wurde die Varroamilbe (varroa destructor) aus Asien eingeschleppt. Sie fand hier exzellente Überlebensbedingungen vor. Unsere europäischen Honigbienen haben noch nicht gelernt, sich selbst dagegen zu verteidigen.
- Restlos alle Honigbienenvölker sind davon befallen und müssen regelmäßig und mehrmals dagegen behandelt werden. Jedes Jahr - Sommer wie Winter!
- [Nachtrag 13.09.2023: Das glaube ich heute nicht mehr. Wir müssen wieder viel natürlichere Bedingungen schaffen! Unsere Magazinbeuten in Kombination mit der Gier nach dem letzten Tröpfchen Ertrag pro Volk sind Teil oder sogar Ursache des Problems!]
- Biologische Strategien zur Minimierung der Milbenbelastung unterstützen die Behandlungen mit organischen Säuren.
- Wer das ignoriert, der tötet seine Bienenvölker durch Vernachlässigung.
- Alle Bienenvölker haben den natürlichen Drang zu schwärmen. Die durch uns geschaffene und übermäßig sortierte Umwelt bietet aber kaum noch Nisträume. Tote oder alte knorrige Bäume werden" entsorgt. Dabei sind erst diese Methusalems mit ihren Höhlungen, Rissen und Spalten wirklich ökologisch wertvoll für die Artenvielfalt.
- Also muss den Bienenvölkern die Möglichkeit zur Schwarmteilung und dem "Einschlagen" in eine neue Bruthöhle gegeben werden. Dafür haben Imkernde Verantwortung zu tragen, da freie Schwärme fast immer am Kältetod oder Hunger verenden. Den Rest erledigt die Varroamilbe!
- Ihre Rollladenkästen und Gartenhäuser sind ganz sicher keine geeigneten Bruthöhlen.
- Die Rettung für die schwarmbegeisterten Bienen ist das Erstellen eines sogenannten Ablegers, welcher im ersten Jahr nun Zeit bis zum Winter hat, um zum starken Jungvolk heranzuwachsen. Da ist an Honigernte nicht zu denken. Fürsorge und Spesen fordern die Imkernden bis ins Frühjahr, damit im nächsten Sommer der Lohn der Mühe geerntet werden darf.
- Auf weite oder lange Wanderungen mit den Bienenvölkern ist möglichst zu verzichten. Das schafft viel Stress und ist gegen die Natur der Honigbienen. Bäume wandern üblicherweise nicht. Also ist es es gegen die Natur der Bienen. Verantwortungsvoll Imkernde wandern nur, wenn sie Ihren Bienen dadurch einen Standortvorteil verschaffen, welcher die Strapazen mehr als ausgleicht. Zum Beispiel in eine Pollen- und nektarreiche Massentracht.
Der Lohn der Mühe
Das alles und viel Erfahrung sichern den Bienen mit einem starken, gesunden Volk das Überleben des Winters und einen guten Start in nächste Bienenjahr.
Die Imkernden tragen für ihre Mühe meistens eine gute Honigernte ein, welche sie auch jetzt nur im Austausch gegen gesundes Ersatzfutter entnehmen können.
Das Bienenwachs fällt in kleineren Mengen bei der Bauerneuerung und dem Honigschleudern an. Es muss danach aber noch aufwändig gereinigt werden.
Zumeist refinanzieren sich Mühe und Aufwand des Bienenjahres schon nach ein paar Jahren durch den Honigverkauf. Bis dahin gehen Imkernde aber komplett in Vorkasse! Kein Stundenlohn - abgerechnet wird mit dem Honig der Saison. Und Gewinne sind hier nicht garantiert - Natur ist immer ein Wagnis.
Für wahr - man muss das Imkern und die Bienen wirklich lieben. Da braucht es eine Menge Idealismus und Durchhaltevermögen. Vollimkerei bedeutet in Deutschland das Führen ab ca. 200 Völkern und die Verarbeitung und Vermarktung der Produkte nach strengen gesetzlichen Vorgaben.
Und dafür heißt es: